Die „Jelling-Dynastie“

Leseprobe:

 

Die Schiffsbestattung an der Themse

 

„Die Sklavinnen der Wikinger“, fing Aesa an. „Sie sind in unserem Volk rechtlos. Ihnen steht kein Jenseitsleben zu. Wenn Sklaven sterben, sucht ihre Seele nach einem Ort, wo er leben kann. Doch ihre sie findet keine Ruhe!“ Die Heilerin schwieg und hörte lange dem erwachenden Vogelgesang außerhalb der Hütte zu.

Doch plötzlich flüsterte Aesa: „Kein gewöhnlicher Sklave darf Odins Halle, Hels Meeresgrund oder die heiligen Gemäuer Freyas betreten. Deshalb ist es ein außergewöhnliches Angebot, dem Herrn in den Tod zu folgen und ihm im Jenseits dienen zu dürfen. Nur dann ist das Leben eines Sklaven nach dem Tod ehrenwert.“

 

Die Nacht war kurz.

Die Sklavinnen wurden erneut gewaschen, geölt und angekleidet. Doch heute fehlten der strahlende Glanz in den Augen, das heitere Lachen und der Gesang. Schweigend ließen die Frauen den Brauch über sich ergehen und folgten der alten, runenkundigen Zauberfrau Gnupas ins Freie.

Stumm gingen die Frauen zum Fluss, dort, wo am Ufer die kolossal aufgeschichteten Holzstöße unter den Kriegsschiffen ihrer gestorbenen Herren auf die letzte Reise warteten. Dort, wo sie ihre Ahnen begrüßen und wo sie sterben sollten.

Gnupas warf einen prüfenden Blick zur Sonne.

„Mýl-in erreicht bald den höchsten Stand.“ Mit ihrem krummen Zeigefinger tippte sie Aesa auf die Schulter. „Führe die Sklavinnen zum Ort, an dem die Totgeweihten ihre Ahnen und Freunde im Reich der Toten begrüßen werden.“

Aesa nickte ernst und die Sklavinnen folgten der Heilerin wortlos.

Thyra blieb stehen und betrachtete den schmalen Rücken der Hohen Frau.

„Angel-Frau!“, forderte die knarrende Stimme der Alten, so dass Thyra erschrocken zusammenfuhr. „Angel-Frau! Wer von uns ist alt und kann die Worte, die gesprochen werden kaum noch hören? Komm zu mir!“

Thyra runzelte die Stirn und ging zögernd zur Runenkundigen Zauberfrau.

„Du hilfst mir!“, befahl Gnupas. Thyra nickte kaum merklich.

„Na, mein Kind, so blass um die Nase?“, spottete die runenkundige Zauberfrau. Doch Thyra antwortete nicht.

„Heute ist ein herausragender Tag“, schnarrte die Alte erregt. „Und ich muss mich mit einer dummen einfältigen Sklavin zufriedengeben.“

‚Ich kann auch gehen!‘ frohlockte Thyra stumm und starrte auf die grauen Haare der einflussreichen Wikingerin.

„Aber die Zeiten ändern sich.“, mürrisch drehte Gnupas sich um. „Nun komm schon. Beeile dich!“

Die Zauberfrau ging mit der Sklavin an den gigantischen Holzstapeln vorbei und Thyra erkannte mit Erstaunen, dass die Nordmänner die gesunkenen Drachenschiffe aus der Themse an Land gezogen, repariert und viele gewaltige Baumstämme um jeden einzelnen Schiffsrumpf gerammt hatten. So schafften es die Männer, dass die stattlichen Drachenschiffe aufrecht an Land standen. Thyra betrachtete das Brennholz unter den Schiffsplanken und erahnte die Feuersbrunst unter diesen wertvollen Kriegsschiffen.

„Sollen Schiffe nicht die Meere befahren“, murmelte Thyra.

Gnupas stoppte abrupt ihren Lauf und drehte sich zu der Sklavin um.

„Wie kommst du denn auf solchen Gedanken?“

Thyra schüttelte ertappt den Kopf. „Kriegsschiffe in eurem und in unserem Volk haben einen hohen Wert.“

„Das stimmt.“, über das faltige Gesicht der Zauberfrau zog ein syphisantes Lächeln. „Unsere Wikingerschiffe sind äußerst wertvoll.“

Gnupas öffnete den Mund um Thyra noch mehr zu erklären, klappte ihn dann aber eilig wieder zu.

„Wir müssen weiter“, sagte sie stattdessen und steuerte ihr Ziel an.

Um jedes Schiff standen, an hohen Pfählen befestigt, große menschenähnliche Holzfiguren. Diese trugen lange, im Wind flatternde Umhänge aus feinem Schilfgras geflochten. Die bemalten Köpfe und dicken Bäuche der Riesen füllten die Wikinger mit Reisig und trockenem Gras. Lange Holzschwerter zierten jeweils die Seiten und in der linken Hand trugen die imposanten Wikingerabbildungen bunt bemalte Wappenschilde.

Thyra fühlte sich nicht wohl unter den hölzernen Riesen und folgte Gnupas mit eiligen Schritten. Nervös legte Thyra immer wieder den Kopf in den Nacken und blickte hinauf zu den starren Holzgesichtern der Hünengestalten. Es war unheimlich! Die Augen der Riesen schienen dem Weg der Frauen zu folgen.

Thyra stolperte und konzentrierte sich auf die wieselflinke Gnupas, die das Flussufer anpeilte. Vor einem Weidenkorb blieb sie stehen und kramte umständlich darin herum. Knurrig murmelnd packte Gnupas die Unmengen gefüllter Lederbeutel zur Seite, schmiss eine hölzerne Schale und ein Trinkhorn ungehalten in den Sand und drückte nach ausgiebiger Suche ihrer Gehilfin ein Gefäß in die Hand.

„Halte es gut fest und verliere es nicht!“, schnaufte sie.

Thyra beobachtete unterdessen, wie eine Gruppe von acht Wikingern von einem Schiff zum nächsten ging. Vor jedem Schiff blieben sie ehrfurchtsvoll stehen und riefen dem Totenschiff etwas zu. Doch die Entfernung war zu groß. Der Wind trieb Thyra nur vereinzelte unverständliche Wortfetzen zu.

Gnupas hielt zwei verschlossene Karaffen in den Händen und forderte sie auf, ihr zu folgen. Den Weidenkorb ließ die Runenfrau am Schilfgürtel zurück.

Langsam schritten die Frauen zu den Drachenschiffen und die Alte blieb auf einem Teppich aus geflochtenem Schilfgras stehen. Thyra stockte erstaunt und blieb vor dem Schilfteppich stehen.

„Was …?“

Doch Gnupas ging auf keine Frage ein und zog Thyra hinter sich auf die Matte.

„Dumme Angel-Frau. Nun folge mir auf den Schilfteppich.“ Ärgerlich funkelten ihre listigen Augen.

Nervös gehorchte Thyra und blieb neben der Hohen Frau, zwischen der Themse und den aufgebahrten Schiffen stehen. Aufgeregt und neugierig zugleich blickte Thyra von den Wikingern, zu den Kriegsschiffen und zurück zum Fluss, wo sie plötzlich Gorm entdeckte. Seine Tätigkeit fesselte ihre Aufmerksamkeit.

„Was macht Gorm?“, flüsterte sie und erntete von Gnupas ein missbilligendes Kopfschütteln. Thyra erkannte an Gorms Armbewegung, wie er einem Wikingertrupp Anweisungen gab und diese augenblicklich gehorchten.

Der Wind frischte auf, ihr Magen knurrte und vom Fluss ertönte der einsilbige Ruf der Blesshühner im Duett mit dem Gurren eines Haubentauchers. Bewegungslos standen die Frauen auf der Schilfmatte, nur die Sonne nahm ihren Lauf und zeigte die Mittagszeit an.

Plötzlich erkannte Thyra, wie der Männertrupp etwas zu den aufgebahrten Kriegsschiffen trug. Sie blinzelte gegen das grelle Sonnenlicht und wunderte sich über die Gegenstände, die an Bord gebracht wurden.

Die Männer kletterten an einer schmalen Holzleiter hinauf, trugen auf jedes Schiff eine Bank und bedeckten diese mit gepolsterten Kissen. Die Krieger deckten die Kissen mit Leinentüchern ab und legten am Ende der Bank ein farbenfrohes Laken aus edelster Seide. Der Wind verwehte die die mit feinster Stickerei verzierten Seidenlaken.

Plötzlich erblickte Thyra eine Bewegung im Schatten eines der Schiffe. Ein langer Geleitzug näherte sich den imposanten Holzstößen. An der Spitze des Zuges schritt eine einfach gekleidete Frau, die mit klarer Stimme in dieser fremden Sprache ein immer wiederkehrendes Lied sang. Mit monotoner Singstimme rief sie über die stille Begräbnisstätte:

„Nicht lacht der Mann,

der den Leichnam des Freundes trägt, voll Gram zum Totenschiff hinauf.

Unsere Krieger kämpften tapfer bis zum Tod und voller Glück tragen die Toten heute

ihre Schwerter in Odins Halle.“ Die Prozession kam immer näher.

„Die so strahlend ist, dass sie leuchtet ohne Licht.

Heute dürfen die toten styrimannr sitzen auf ihren Thronen, Pórr, Njordr, Forseti, Ullr, Heimdallr und Haenir.

Und ebenso ihre Sklavinnen:

Asynjur, Gefjun, Valgerd, Gerdr, Sigyn und Fulla.“

 

Die Prozession teilte sich und stellte sich vor den Leichenschiffen auf.

Jeweils sechs Wikinger trugen einen in Seide gehüllten toten Kriegsherrn. Der Wind spielte mit den feingewebten Seidentüchern und so entstand der Eindruck, als ob sich die Toten unter dem feinen Gewebe bewegten. Thyra riss entsetzt die Augen auf.

„Sechs Leichen!“, zählte sie und unterdrückte ihre Angst. „Wer sind die toten Männer unter dieser kostbaren Seide?“, erkundigte sich Thyra im Flüsterton.

„Du bist eine Sklavin und nicht befugt!“, wies Gnupas Thyra zurecht. „Doch da du mir heute zur Seite stehst, werde ich es dir erklären.“ Sie deutete mit ihrem krummen Finger zum Geleitzug.

„Diese Toten sind die niedergemetzelten Schiffsführer der Kriegsschiffe. Die überlebenden Jungmänner dieser toten styrimannr werden ihre nackten und eingesalbten Schiffsführer neben ihr eigenes Schiff auf die Erde legen. Dort werden sie eingekleidet.“ Gnupas schniefte und wischte sich den glänzenden Tropfen von der roten Nase am Ärmel der Tunika ab.

„Da siehst du!“ Zeigte die Zauberfrau mit einem mißgeformten Finger. „Die Toten werden in kostbare Hosen, Socken, Stiefel, Mäntel und Hemden aus feinstem Stoff aus fernen Ländern mit goldenen Knöpfen gekleidet. Die Mützen webten die Frauen aus Seidenbrokat und umrandeten diese mit edlen Marderfellen.“

Gnupas schwieg und es entstand eine unangenehme Pause.

„Dann tragen die drengire ihre toten styrimannr ins Totenschiff und setzten sie auf eine Bank.“

„Setzen?“

„Sollen sie etwa liegend ins Totenreich segeln!“, fauchte Gnupas.

„Jedem toten styrimannr wird der Rücken mit gepolsterten Kissen abgestützt und neben jedem Toten wird Met und Molke in Tonkrügen gestellt. Dazu kommen Früchte und wohlriechende Pflanzen in besonders bemalten Holzschalen. Auch Brot, Fleisch und Zwiebeln bekommen unsere ehrbaren styrimannr auf ihre Reise ins Totenreich.“

Thyra beobachtete mit unverhohlener Neugierde die Bestattungsrituale. Plötzlich hörte sie Hunde bellen und Ochsen blöken. Dann sah sie wie Gorm seine Wikinger, die je ein Tier an einem Seil führten, zu sich befahl.

„Ein neuer Geleitzug! Sie führen Tiere mit!“

Gnupas sah die ungebildete Angel-Frau kopfschüttelnd an. Wusste die denn gar nichts über die Welt der Toten?

Der Geleitzug schritt an jedem einzelnen aufgebahrten Schiff entlang. Und es waren viele Nordmänner, die Tiere mit sich führten. Sie brachten Hunde, Ochsen, Pferde, Gänse und Hühner.

„Was …?“, wollte Thyra wissen, doch ihre Frage erübrigte sich, denn auf jedes Totenschiff wurde jeweils ein Hund, ein Ochse, ein Pferd, eine Gans und ein Huhn gehoben. Drei Wikinger zogen das schwere Pferd und den muskelbepackten Ochsen mit einer Seilwinde an der hohen Schiffswand hinauf.

Sie hörte ängstliches Gejaule und Gebrüll der Tiere. Die Menschen strömten ans Flussufer, um der Bestattung beizuwohnen. Thyra sah wie die Nordmänner an Deck plötzlich ihre Schwerter in den Himmel streckten. Die Klingen glänzten und glitzerten im Licht der strahlenden Sonne und blendeten die Augen.

„Mögen sie unseren Freunden und Verwandten auf ihrem Weg nach Walhalla gute Gefährten sein!“, rief jeder Schwertträger. Mit einem sauberen schnellen Schnitt ihrer scharfen Schwerter durchtrennten die Nordmänner allen Tieren die Kehle. Röchelnd brachen sie zusammen, zappelten mit den Beinen, schlugen mit den Flügeln, gaben einen letzten gurgelnden Laut von

sich, bevor das warme rote Blut die Deckplanken einfärbte und die Luft mit diesem eigenartigem Geruch nach Eisen anfüllte.

 

Thyras Augen weiteten sich. Sie sagte keinen Ton. Ihre Kehle war zugeschnürt. Sie bewegte nur lautlos ihre blassen Lippen. Gnupas beobachtete die Sklavin aus dem Augenwinkel und ihre Mundwinkel hoben sich zu einem verächtlichen Grinsen.

„Einfältiges Kind“, spöttelte sie und erklärte mit kalter unnachgiebiger Stimme: „Du wirst mir gleich folgen und du wirst keinen Ton von dir geben!“ Sie schritt los, verharrte aber dann in der Bewegung und drehte sich zu Thyra um. „Und keine weiteren Fragen“, untersagte Gnupas mit strengem Gesichtsausdruck.

Thyra starrte die Hohe Frau an. ‚Ich werde gar nicht reden können‘, erkannte sie.

Thyra nickte und hörte wie Gorm, der große dänische Wikinger, mit harter Stimme befahl: „Bringt die Waffen.“

„Jetzt bekommt jeder Tote seine Waffen“, schnarrte die Alte im Laufschritt und blickte kurz über die Schulter.

„Aber …?“, flüsterte Thyra ihrer Stimme langsam wieder mächtig, als sie die Unmengen erkannte, die herangetragen wurden. Sie dachte nicht daran, Gnupas Anweisung zu folgen. „Es sind so viele Waffen?“

„Es liegt ja auch jeder tote Frei-Mann, jeder tote húskarl und jeder tote Schiffsmann mit ihrem toten Schiffsführer auf dem Totenschiff.“

„Alle?“

Gnupas nickte und Thyra erklärte sich augenblicklich der übelriechende Verwesungsgestank. Sie erinnerte sich an die Wasserleiche mit der aufgeschnittenen Kehle. Diese trieb bei der Ankunft der eroberten Festung an der Wasseroberfläche. Der aufgedunsene Leib dümpelte in der Themse, während die Extremitäten tief im Wasser hingen. Unaufhörlich schlug der verwesende Körper gegen die rauen Holzplanken der Drachenboote und scheuerte die weißliche Haut am Schiffsrumpf ab. ‚Den müssen doch schon die Würmer zerfressen haben?‘, schoss es ihr unwillkürlich durch den Kopf. Mit jedem Schritt näherten sich die Frauen dem phänomenalen Verwesungsgeruch.

„Aber es vergingen so viele Tage? Wo lagen die Toten in dieser langen Zeit?“

„In einer Mulde vergraben.“, erklärte Gnupas ohne mit der Wimper zu zucken.

 

„Eingegraben!“, entsetzt stieß Thyra laut das Wort hervor und wurde sofort mit dem drohenden Blick der Zauberfrau gestraft. „Du sollst deine Stimme im Zaum halten“, knurrte sie böse.

„Sie wurden vor der Bestattung ausgegraben!“, rief Thyra lauter als beabsichtigt. Schlagartig stellte sie sich vor, wie die Männer die Leichen aus der Erde gruben und den Sand von den aufgedunsenen, stinkenden Kadavern mit den vielen offenen Wunden wischten.

Plötzlich wurde ihre Aufmerksamkeit abgelenkt! Thyra erblickte Aesa, die mit den Sklavinnen in einfachen Gewändern um jedes Totenschiff schritten. An jedem Schiff ließ die Heilerin eine Sklavin zurück. Schließlich ging sie mit Valgerd zum letzten Holzstoß, zum Totenschiff.

Die Sklavin stieg auf die Handflächen der dort wartenden Wikinger. Dort trat Valgerd vorsichtig auf eine leicht erhöhte Plattform. Die edel gekleideten Nordmänner ergriffen das Podest und hoben Valgerd in die Höhe, worauf Valgerd mit klarer, deutlicher Stimme rief:

„Schaut! Ich sehe meinen Vater und meine Mutter.“

Die Männer senkten sie hinab und hoben die Sklavin ein weiteres Mal in die Höhe.

„Schaut! Ich sehe all meine verstorbenen Verwandten, wie sie zusammensitzen.“ Beim dritten Mal rief Valgerd.

„Schaut! Ich sehe meinen Herrn, wie er im Paradies sitzt. Und das Paradies ist schön und grün und bei ihm sind Männer und junge Knaben. Er ruft nach mir, bringt mich zu ihm hin.“

Gnupas lächelte und fasste Thyra am Arm. Erschrocken zuckte Thyra zusammen. Gnupas neigte sich leicht zu ihr hinab und sie roch den stinkenden Atem der Alten.

„Das ist das Höchstmaß an Leben in dieser Welt und es wird jedem styrimannr und jedem Häuptling für sein neues Leben nach dem Tode mitgegeben. Komm, folge mir jetzt.“

Thyra folgte der alten Frau und hörte ein leises Raunen der Menge, als sie diese durchschritten.

„Da ist sie! Die Todesbringerin!“

Sofort suchte sie die anderen Sklavinnen und erschrak! Vor jedem Kriegsschiff geschah das gleiche Ritual. Die Sklavinnen standen auf den in die Höhe gehobenen Plattformen und riefen die gleichen Worte, die Thyra schon von Valgerd hörte.

„Schaut, ich sehe alle meine verstorbenen Verwandten, wie sie zusammensitzen.“ Allmählich wurde Thyra die volle grausame Bedeutung dieses Begräbnisrituals bewusst.

„Sie sterben! Alle! Sie lassen sich alle bei lebendigem Leibe verbrennen! Für ihren toten styrimannr. Für ein Leben nach dem Tode! Diese Heiden!“ Doch niemand achtete auf die fremden Worte dieser ungläubigen Angel-Frau.

Gnupas ging zur ersten Sklavin und reichte ihr ein Gefäß.

„Gefjun trink!“, befahl die Todesbringerin.

 

Andächtig nahm Gefjun mit blassem Gesicht das mit Silber beschlagene Trinkhorn in die Hand und trank vorsichtig einen Schluck.

„Es ist Molke“, lächelte Gnupas beruhigend und ihre braunen Zähne glänzten.

„Trinke es aus.“, freundlich hob Gnupas das Horn und drückte es gegen Gefjuns Lippen.

„Alles!“, befahl die Todesbringerin harsch.

Die Sklavin trank den nabíd in einem Zug, reichte Thyra mit leerem Blick das braunweiße Rinderhorn und sah Gnupas eindringlich an.

„Bevor ich sterbe, gebe ich dir meine Armbänder.“, langsam streifte sie ihre silbernen, mit grünen Perlen verzierten Armbänder von den Handgelenken und reichte sie Gnupas. Dann hob sie ein Bein.

„Und meine Fußringe mögest du bitte meiner Familie in der Heimat überbringen und ihnen meine Geschichte erzählen. Dass ich fortan in der Jenseitswelt lebe und dienen darf.“ Gnupas nickte, nahm die Schmuckstücke und drückte sie Thyra in die Hand.

„Und nun ….“, befahl Gnupas. „Trinke das! Trinke es schnell und in einem Zug.“ Die Zauberfrau reichte Gefjun ein pechschwarzes langes Horn. Das schwarze Horn war am Trinkrand mit vielen silbernen, gedrehten Fäden verziert und glänzte im Sonnenlicht.

Gefjun nickte und tat wie ihr geheißen. Ohne zu zögern, setzte sie das schwarze Trinkhorn an ihre Lippen und trank das bittere Gift.

„Gehe jetzt auf das Schiff und lege dich neben deinen Herren vor die Bank auf den Boden“, ordnete Gnupas an und beeilte sich, um schnell zur nächsten Sklavin zu gelangen. Thyra folgte der Hexe mit schnellen Schritten durch die Menschenmenge, die sich vor ihnen respektvoll teilte. Auch dort dasselbe Ritual. Jede Sklavin nahm ihren Schmuck vom Körper, manche sangen oder beteten zu ihren Göttern, bis sie zuletzt Valgerd erreichten. Bösartig starrte die Sklavin Thyra an.

„Ich werde der Todesgöttin Hel von deinen Taten berichten“, fletschte sie die Zähne. „Von dem Übel, das du über mich brachtest!“

„Trink!“, forderte Gnupas, doch es war nicht das nabíd, sondern das bittere, giftige Gebräu in dem schwarzen Horn.

„Was ist das?“, schüttelte sich Valgerd, nachdem sie es getrunken hatte.

„Es wird dir helfen!“

„Helfen?“, schrie Valgerd panisch.

„Das Gift der Pilze wird gleich wirken.“ Gnupas verstaute in aller Ruhe ihren Behälter.

„Gift!“, geiferte Valgerd.

 

„Gehe auf das Schiff solange deine Füße dir noch gehorchen und legen dich neben deinen Herren. Oder willst du getragen werden!, höhnte Gnupas.

„Zu meinem Herrn gehe ich allein!“, schnaubte Valgerd noch, doch Thyra sah, wie ihr Körper schwankte.

Hasserfüllt wand Valgerd sich ab und kletterte leicht schwankend die schmale Holzleiter hinauf. Unbeholfen schwang sie sich über die Reling und stand dann endlich auf den Planken des Totenschiffes.

„Was ist das für ein Gift?“, wollte Thyra wissen.

„Das geht dich nichts an“, grummelte die fál-a. „Doch der Pilz wirkt sehr schnell!“, griente sie und Thyra begriff plötzlich, als sie in das faltige Gesicht der Alten sah, dass eine gefährliche kräuterkundige Heilerin und Hexe vor ihr stand.

„Du bleibst jetzt hier!“, befahl Gnupas und kletterte erstaunlich behände mit sechs weiteren Nordmännern in das erste Schiff zu Gefjun.

Thyra sah noch, wie Gnupas sich vorher ein kurzes Seil um ihr Handgelenk wickelte und einen Dolch unter ihrer Tunika versteckte.

„Was macht sie da?“, flüsterte Thyra ahnungsvoll ohne eine Antwort zu erwarten.

„Das willst du nicht wissen“, erklärte eine männliche Stimme und Thyra fuhr erschrocken zusammen. Gorm war hinter sie getreten.

Vertrauensvoll atmete Thyra tief ein und empfand es als seltsam beruhigend, dass er in ihrer Nähe war. Unbewusst trat sie dichter an Gorm heran und fühlte seine Wärme an ihrem Rücken. Der Häuptling schloss für wenige Sekunden seine Augen und genoss das Vertrauen, das sie ihm entgegenbrachte.

Die Köpfe der Wikinger auf dem Schiff und das graue Haar von Gnupas waren nicht mehr zu sehen.

„Was geschieht jetzt?“, wollte Thyra mit bebender Stimme wissen.

„Diese Männer ehren den Herren dieser Sklavin auf besondere Weise.“, antwortete Gorm tonlos.

„Was!“, krächzte Thyra und sah Gorm ungläubig an. „Alle sechs Männer wohnen dieser Frau bei? Kurz vor ihrem Tod?“

„Ja“, antwortete Gorm knapp und betrachtete mit ernster Miene das bald brennende Kriegsschiff.

Thyra stand vertrauensvoll an Gorm gelehnt und mochte seinen Worten nicht glauben, obwohl sie wusste, dass er die Wahrheit sprach.

„Und dann?“, wisperte sie.

„Dann legen die Männer die Sklavin zum Leichnam ihres Herren. Zwei ergreifen ihre Beine, zwei ihre Hände und die fál-a, unsere Todesbotin, legt ein Seil um ihren Hals und zieht die Enden in die entgegengesetzte Richtung.“

„Und dann.“ Thyras Stimme war nur noch ein leises Flüstern.

„Die fàl-a gibt den zwei letzten Männern je ein Seilende und befiehlt ihnen kräftig daran zu ziehen.“

Gorm atmete tief die warme Sommerluft ein. Er warf einen kurzen Blick auf Thyra, die mit entsetzten Augen zu ihm aufblickte.

„Willst du noch mehr wissen?“ Sie nickte nur.

Sein Kopfnicken war kaum zu erkennen, doch mit tonloser Stimme erzählte er ihr den Rest.

„Dann tritt die Todesbotin mit einem besonderen Dolch, mit einer extra breiten Klinge dazu und stößt ihn immer wieder zwischen die Rippen des Mädchens, während die beiden Männer kräftig an dem Seil ziehen und sie würgen, bis sie tot ist.“

Thyra schwindelte, ihre Beine schwankten und Gorm griff ihr von allen anderen unbemerkt unter die Arme, bis sie sich wieder stand.

„Es ist besser so“, flüsterte er in ihr Ohr. „So müssen die Frauen nicht bei lebendigem Leib brennen.“

Thyra fand mühsam ihr Gleichgewicht wieder und nickte schwach.

Plötzlich ertönte ein markerschütternder Schrei und alle Wikinger begannen mit den Griffen ihrer Schwerter und mit langen Stäben auf ihre Schutzschilde zu schlagen. Ein ohrenbetäubender Lärm setzte ein. Thyra zuckte zusammen, trat eilig einen Schritt zurück und fühlte Gorms beschützende Nähe. Erleichtert warf sie einen Blick zum Mann an ihrer Seite, der mächtige Häuptling dieser Wikinger, der nun mit versteinernder Miene neben Thyra trat.

„Sie töten sie. Sie töten die Sklavinnen!“, flüsterte Thyra damit ihr Verstand diese grausame Tat begriff. Doch ihre Worte gingen im Lärm unter. Sie sah wie Gnupas und die sechs Wikinger vom ersten Schiff kletterten und fál-a zielstrebig zum nächsten Totenschiff ging. Auch dort wurde sie wieder von sechs Wikingern aufs Schiff begleitet. Sobald die Todesbringerin mit seinem Gefolge auf dem Schiff war, schlugen die Nordmänner dröhnend auf ihre Schilde.

Niemand hörte die Schreie der Sklavinnen. Die Zeit verrann.

Die Sonne wanderte am Firmament und die kühlen Schatten der Bäume strichen kreisförmig um die Bäume. Sobald eine Sklavin tot war, erstarb auch der Lärm und jeder hörte die silberhellen Stimmen der Singvögel. Thyra vernahm den Ruf der Blesshühner und hörte das  Haubentaucherpärchen gurren. Doch sie konnte nur an das entsetzliche blutige Geschehen auf den Totenschiffen denken.

Plötzlich trat Gorm vor und hob seine Arme. Sofort erstarben die dröhnenden Schläge der Schwerter und Stäbe gegen die Schilde.

Laut und durchdringend erhob Gorm die Stimme und sprach:

„Besitz stirbt, Sippen sterben. Du selbst stirbst wie sie;

Doch eines weiß ich, das ewig lebt: Des Toten Tatentum.“

Augenblicklich brüllte ein vielstimmiger Männerchor und sofort hämmerten die Schwerter und Stäbe gegen die Schilde.

Erneut hob Gorm seine Hände in die Höhe und seine kräftige Stimme wurde zu jedem Wikinger getragen. „Wir werden unsere Krieger wieder sehen! In Odins Halle der erschlagenen Krieger. In Walhalla!“

Der Tumult, der augenblicklich losbrach, glich einem rasenden Inferno, welches das beginnende flüsternde Knistern des Feuers an den Holzstößen unterdrückte. Fast liebevoll umschmeicheltem die Flammen schlängelnd das sonnenverwöhnte Holz.

Erst der beißende Rauch holte Thyra in die Realität zurück.

Das ekstatische Stampfen der Wikinger. Der Ruf aus den unzähligen Männerkehlen. Der Rhythmus der Schläge. All das zog jeden fesselnd in den Bann.

Alles verbrannte!

Alle sechs Schiffe mit den kalten Körpern der styrimannr, den getöteten Sklavinnen, den leblosen Tieren, den im Kampf getöteten Wikingern und alles, was auf dem Schiff war und zu ihm gehörte.

Heiß fraß das Feuer seine Opfer und Gorm zog Thyra weg von der Hitze. Schwarzbraun stiegen die gewaltigen Rauchwolken in den Himmel und zogen mit dem Wind übers Land der Angelsachsen. Gierig verschlangen die Flammen die dargebotene Nahrung und in den Himmel steigende Feuersäulen züngelten endlos in die Höhe.

Es dauerte Tage. Zurück blieben weißverkohlte Holzstämme und unendlich viel Asche.

An den Stellen, wo die Wikinger, die aus dem Fluss gezogenen Schiffe verbrannten, schütteten sie am nächsten Morgen gewaltige ovale Erdhügel auf und errichteten an jedem Hügel einen Pfahl aus Buchenholz. Ins Holz ritzen sie in Runenschrift die Namen aller Toten und den Namen des siegreichen Häuptlings der Ascomanni – Gorm Grymme.

 

Tage später schritt Thyra um die hohen Grabhügel, die an Schiffsbäuche erinnerten, herum und auf jedem Pfahl las sie Gorms Namen.

„Du bist in deinem Volk ein einflussreicher Mann.“